Spielplanübersicht 2010.2011

Liebes Publikum,

WAHLHEIMAT lassen wir die Maler auf dem Titelbild dieser Spielzeitvorschau in großen, nicht ganz geraden Buchstaben an das Tor der Halle 10 schreiben. Denn das behaupten wir mit schon vorab – dass diese Halle auf dem Fliegerhorst Ihnen und uns für eine Saison genau das sein wird: kein Exil, sondern eine Heimat auf Zeit. Bis wir nach einem Jahr wieder zurückkehren in unsere eigentliche Heimat, die uns dann frisch saniert im Großen Haus am Theaterwall erwarten wird. Wahlheimat – ein Ort, an dem man sein will, den man sich bewusst ausgesucht, manchmal ersehnt hat. Oder ein Ort, der uns überrascht, begeistert, in den wir uns verlieben. So wie das berühmte Wahlheim für Goethes Werther der Platz ist, an dem er seine Sinne schärfen kann, an dem er ganz er selbst sein darf – »hätt ich gedacht, als ich mir Wahlheim zum Zwecke meiner Spaziergänge wählte,« ruft er beglückt aus, »daß es so nahe am Himmel läge!«.
Aufbruch und Umzug an einen anderen Ort bedeutet, die gewohnten und vertrauten Muster zu verlassen, bedeutet, sich dem Ungewissen, Neuen zu stellen. Die Auseinandersetzung mit Unwägbarkeiten, die Lust am Wagnis und Unkalkulierbaren aber ist dem Theater von jeher nicht nur wesensnah, sondern die Bedingung allen künstlerischen Tuns. Wir verlassen für eine Saison das etablierte, traditionsreiche Große Haus und betreten einen fast unbeschriebenen, leeren Raum. Wir werden einen neuen Blick auf uns selbst wagen, auf die Stoffe, die wir spielen. Und wir werden, wenn wir nach einem Jahr ›heimkehren‹, einen neuen Blick auf unser Heimathaus und unsere Arbeit dort haben – denn hinauszutreten aus dem Gewohnten und mit Abstand darauf zurückzuschauen, öffnet Geist und Augen. Und so sind es wohl gerade die Leichtigkeit und Endlichkeit des Provisoriums und die Unberechenbarkeit der neuen Spielstätte, die aus dem Exil für das Theater eine Wahlheimat machen. Indem wir den Ort von Beginn an so nennen, nehmen wir ihn für uns in Anspruch. Denn wir wollen ihn prägen, ihm eine neue Geschichte geben durch die vielen Geschichten, die wir in der Halle 10 und auf dem Gelände erzählen werden.
Die Lust, den Raum zu bespielen, haben wir mit unserem Fotografen Andreas Etter schon vorher ein wenig laufen lassen – wie in einem Miniaturland bevölkern die Figuren auf den Panoramabildern den Fliegerhorst. Sie erzählen Geschichten, tun das, was sie tun wollen, oder vielleicht: was wir uns für sie ausgedacht haben. Und machen durch die Selbstverständlichkeit, mit der sie auf dem Gelände surfen, Flugzeuge fliegen lassen, kochen, sich lieben, auseinandergehen, Ski fahren, Wölfe füttern, den Ort zu ihrem. Wir schauen ihnen aus einiger Entfernung dabei zu. Sehr nah sehen wir dagegen auf den Porträts, die Sie teilweise aus unserem Foyer im Staatstheater kennen, die Menschen, die unseren Geschichten auf den Bühnen im Fliegerhorst, im Kleinen Haus und in der Exerzierhalle Gesicht, Körper, Stimme und Charakter geben werden: unser Ensemble.

Dass die besondere Situation der neuen Spielzeit auch unseren Spielplan prägt, versteht sich von selbst. In der Oper fordert der große Raum die großen Stoffe: so wie Tosca, Hänsel und Gretel und Die Walküre als Klassiker oder die szenische Interpretation von Händels Oratorium Saul. Auch die Programme unserer Konzerte beschäftigen sich in vielfältiger Weise mit ihrem Aufführungsort. Thematisch – so wie die Konzerte, die um das Heldenleben kreisen – wie auch klanglich, vom melancholisch-leidenschaftlichen Ton des argentinischen Tangos bis hin zu den nuancenreicen Klangkosmen eines Edgar Varèse.
Das Schauspiel eröffnet die Halle 10 mit der Dreigroschenoper und Kinder des Olymp, um später noch einmal mit Tschechows Kirschgarten zurückzukehren. Dazwischen bespielt es in erster Linie das Kleine Haus und die Exerzierhalle, die beide nicht von den Sanierungsmaßnahmen betroffen sind. Das Thema Auf- und Umbruch – in eine neue Epoche, in ein neues Leben oder am Vorabend des Krieges – spiegelt sich im Spielplan, etwa mit Shaws Haus Herzenstod und der Uraufführung von Marc Beckers Aus der Mitte der Gesellschaft, ebenso wider wie im Ensemble mit sieben neuen Schauspielerinnen und Schauspielern.
Im Tanz freuen wir uns im Fliegerhorst auf ein Wiedersehen mit Guy Weizman und Roni Haver mit Air Ways – ein Projekt mit großem Chor und Orchester. Und natürlich auf die 10. Internationalen Tanztage, ein Jubiläum, für das kaum ein besserer Ort denkbar wäre. Ansonsten wird wie gewohnt in der Exerzierhalle getanzt.
Das Junge Staatstheater zieht vom Spielraum in die Exerzierhalle, zum diesjährigen Familienstück Der kleine Vampir laden wir Sie herzlich ins Kleine Haus ein – in dem Sie auch weiterhin die Niederdeutsche Sparte mit der August-Hinrichs-Bühne treffen werden.

Eine aufregende, vielleicht zuweilen abenteuerliche Zeit liegt vor uns. Einerseits groß und andererseits nicht ganz gerade schreiben wir Wahlheimat an die Halle: besitzergreifend, wagemutig, immer bereit zu scheitern und immer mit der Hoffnung zu gewinnen.


Wir freuen uns auf Sie.


Ihr
Markus Müller
Generalintendant