In seiner „Freitag”-freien Bühnenadaption des „Robinson Crusoe”-Stoffs konzentriert sich das Inszenierungstrio Julia Hölscher, Martin Hammer und Susanne Scheerer auf die Sprache als Zivilisationsträger, auf die Art und Weise, wie Erzählungen hergestellt werden. Alles ist auf den Titelhelden abgestellt; (…). Wenn das Team Larischs – gerade in ausdauernden textlosen, bisweilen nahezu tänzerischen Passagen – formidablen Robinson durch verschiedene Stadien der Einsamkeit schickt, wenn es ihn die Einsamkeit erleiden, reflektieren und vor allem sich in ihr einrichten lässt, tut er vor allem eines: sich ans Werk machen und jenes London, das er als Stadt (und vor allem als Prinzip) in seinem Kopf herumträgt, noch einmal erfinden und aufbauen. (nachtkritik)
Die Einsamkeit kann zwar etwas Herrliches sein, aber ab und an brauchen wir jemandem, dem wir sagen können: „Die Einsamkeit kann etwas Herrliches sein.“ Und das dürfte kaum jemand besser wissen als Robinson Crusoe. Daniel Defoe schuf 1719 mit seinem Roman über den wohl berühmtesten Schiffbrüchigen der Weltgeschichte ein eigenes Genre: die Robinsonade. Die lebendige Vorlage für Defoe war ein schottischer Seefahrer aus dem frühen 19. Jahrhundert namens Alexander Selkirk. Den Überlieferungen zu Folge kam der jedoch wesentlich schlechter mit dem langen Alleinsein klar als die literarische Figur. Nach vier Jahren und vier Monaten wurde er gerettet. Da war er allerdings schon nicht mehr in der Lage, richtig zu sprechen. Kaum vorzustellen, durch welche zermürbenden Prozesse der Selbstauflösung Selkirk in seiner Zeit auf der Insel gegangen sein muss. Ihm wird klar gewesen sein, dass wir unser Gegenüber notwendiger Weise brauchen, um über kurz oder lang nicht dem Wahnsinn zu verfallen. „Ich weiß jetzt, dass andere als ich die Erde, auf die sich meine beiden Füße stützen, betreten müssen, damit sie nicht schwankt. Gegen optische Täuschung, Phantasma, Delirium usw. ist das sicherste Bollwerk irgendjemand, großer Gott, irgendjemand“, lässt der Franzose Michel Tournier in seiner 1968 entstandenen Version der Crusoe-Geschichte seinen Protagonisten sagen. Bei Tournier ist Crusoe nicht der pragmatisch anpackende Abenteurer, sondern ein melancholisch mit seinem Schicksal hadernder Grübler.
Mit Crusoe stellt sich die junge Regisseurin Julia Hölscher dem Oldenburger Publikum vor. Bekannt für ihre sinnlich, atmosphärisch intensiven Inszenierungen und eine spielerisch poetische Körpersprache entwickelte sie zusammen mit dem Schauspieler Denis Larisch eine sehr eigene Version der Robinsonade.



